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Musikalische Früherziehung

(Informationsschrift für Eltern)


An den ca. 1000 Musikschulen in der Bundesrepublik Deutschland wird seit 1968 eine Sonderform der vorschulischen Erziehung praktiziert: das vom Verband deutscher Musikschulen entwickelte Programm Musikalische Früherziehung für Kinder zwischen 4 und 6 Jahren.

Die Entwicklung und Verwirklichung dieses Programms ist zu sehen im Zusammenhang mit anderen Bemühungen um die Vorschulerziehung. Im wesentlichen gestützt auf amerikanische Veröffentlichungen wurde von Psychologen die Forderung erhoben, eine wesentliche Phase kindlicher Lernwilligkeit und Lernfähigkeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Die praktischen Erfahrungen der Lehrkräfte verhalfen, zusammen mit neuen didaktischen Erkenntnissen zu einer Fassung, die in einem Modellversuch des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft an mehreren ausgesuchten Musikschulen unter wissenschaftlicher Begleitung und in Absprache mit den Vertretern der Kindergärten getestet wurde. Die Unterrichtsziele werden ausschließlich, dem Alter entsprechend, auf spielerische Weise vermittelt.

Die wesentlichen Teile sind des Programms sind:

a) Singen und instrumentales Musizieren
b) Hörerziehung durch Beschäftigung mit Natur- und Umweltgeräuschen, mit alter und zeitgenössischer Musik
c) Kennenlernen der Notenschrift und musikalischer Grundbegriffe
d) Beschäftigung mit graphischer Notation
e) Improvisation

Die vier Bände des Unterrichtsprogramms bilden ein vollständiges Curriculum für einen zweijährigen Unterricht. Für die Unterrichtsstunden sind Inhalte, Phasen, Ziele und die erforderlichen Arbeitsmittel genannt, aufbauend auf den heute gültigen Erkenntnissen der Intelligenz und Begabungsforschung und der Lernpsychologie. Das Unterrichtsprogramm läßt dem Lehrer Spielraum für individuell zu setzende Schwerpunkte und sonstige Eigeninitiativen.


Die Durchführung dieses Unterrichts geht von einer Reihe von Voraussetzungen aus

  1. Der Unterricht ist auf vier Halbjahre, d. h. auf eine Dauer von zwei Jahren konzipiert.
  2. Wöchentlich findet eine Unterrichtsstunde von 60 Min. statt (außer Schulferien).
  3. Für den Unterricht sind Klassen von höchstens zwölf Kindern vorgesehen.
  4. Die Kinder sollen bei der Aufnahme des Unterrichts vier Jahre alt sein.
  5. Jedes teilnehmende Kind hat die gleichen Lernmittel, nämlich eine Schultasche mit Musikfibel, Notenheft, Glockenspiel und Malkreiden.

Die Ziele der Musikalischen Früherziehung sind

  1. Den Ablauf eines Spruches oder eines Liedes verfolgen und bewegungsmäßig darstellen können.
  2. Pulsierende Bewegung im schnellen und mittleren Tempo körperlich darstellen und zur Sprache und Musik selbständig und ohne Temposchwankungen durchführen können.
  3. Taktschwünge im Zweier- und Dreiertakt erkennen und selbständig im Verlauf von achttaktigen Perioden durchführen können.
  4. Pulsierende Bewegung in der Beschleunigung (accelerando) und Verlangsamung (ritardando) erkennen und körperlich mitvollziehen können.
  5. Einzeltöne im Tonraum zwischen f 1 und d 2 kennen und in Sington in gleicher Höhe umsetzen können, wiedererkennen dieser Töne auf dem Glockenspiel.
  6. Auf einem Sington im Quintraum f bis c Sprüche und kleine Geschichten improvisierend wiedergeben.
  7. Melismatische Strukturen im Quintraum erfassen und singend oder spielend nachvollziehen.
  8. Einfache rhythmische Gestalten (kurz-kurz-lang) mit Händen, Füßen, Fingern, Mund (Entwicklung der Feinmotorik) sowie mit Schlaginstrumenten wiedergeben und ostinate Rhythmen zu einer Melodie durchhalten können.
  9. Einfache rhythmische Gestalten, die sich aus dem freien Vortrag von wortgebundenen Melodien ergeben, singend und spielend wiedergeben können.
  10. Alle Übungen, soweit sie an körperliche oder klangliche Bewegungen gebunden sind, in Zeichnungen festhalten können.
  11. Sich einordnen in einen musikalischen Bewegungsablauf der Gruppe unter wechselnder Führung.

In wissenschaftlichen Beobachtungen konnte festgestellt werden, dass Kinder, die am zweijährigen Programm Musikalische Früherziehung teilgenommen haben, einen kognitiven Leistungsvorsprung von etwa 7 Monaten gegenüber anderen Kinder im Vorschulalter haben.

Die musikalisch-fachlichen Ergebnisse sind sehr eindeutig. Beeindruckend sind der erzielte Grad der Entwicklung der Tonvorstellung, die rhythmische Sicherheit, die Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Notenschrift und die Übertragung auf ein Instrument.

Das Interesse der Kinder nach zweijähriger Kursteilnahme, sofort, also im Alter von sechs Jahren, zu einem Instrumentalunterricht überzugehen, ist meist sehr stark. Nur ein ganz geringer Prozentsatz scheidet während der zweijährigen Kursdauer aus.