 Von oben bis unten Baustelle"Sanierung"
Statik, Brandschutz, Energie: Das Rathaus wird für zwei Millionen Euro auf Vordermann gebracht.
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hegt an der Bedeutung des Rathauses keinen Zweifel:  Dem Ensemblebestandteil der Altstadt kommt internationale Bedeutung zu, nicht zuletzt deshalb wird es auch in der Haager Liste geführt – was dem Rathaus bei Kriegen und bewaffneten Konflikten einen besonderen Schutz gewährt. Und: Im Vergleich zu anderen Rathäusern in Coburg, Bamberg oder Kronach hat der höfisch geprägte Bau des Bayreuther Rokokos oberfrankenweit eine „herausragende Sonderstellung“. Gegen den Zahn der Zeit allerdings nutzt auch das nichts, ebenso wenig nach der Plassenburg das meistfotografierte Gebäude der Stadt zu sein: Ab September wird das Rathaus Baustelle. Und das ist dringend nötig.
Das Angebot war „verlockend“, wie es Oberbürgermeister Henry Schramm heute nennt. Und deshalb wurde vergangenes Jahr beantragt, die energetische Sanierung übers Konjunkturpaket zu fördern. Die Freude über die Zusage von 450.000 Euro wich allerdings bald der Ernüchterung, als das in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalschutz erstellte Konzept mehr als nur energetische Mängel zu Tage förderte: es offenbarte morsche und verzogene Balken unterm lecken Dach, aber auch Löcher und Risse im Mauerwerk. Gefährliche Feuchtigkeit: Das Dachgebälk des Rathauses ist teilweise morsch und löchrig.  Bohrungen im Erdgeschoss
Zudem verdient der Brandschutz im Rathaus diesen Namen nicht: keine Fluchtwege, so dass Schramm „im Notfall aus dem Fenster springen müsste“. Und selbst die Statik ist nicht mehr optimal: Das Tonnengewölbe im Erdgeschoss, das die Massen von zwei Etagen plus Dach trägt, ist auch aufgrund vieler nachträglicher Baumaßnahmen wie Bohrungen in bedenklichem Zustand. „Die Wände klappen ein Stück weit sogar nach außen“, so Schramm.
Deshalb und mit Blick auf die Fördermittel aus dem Konjunkturpaket, die bis Oktober nächsten Jahres abgerechnet werden müssen, ist es für den Oberbürgermeister sinnvoll, das Rathaus auf einmal aller seiner Probleme zu entledigen. Zwei Millionen Euro wird die – vom Stadtrat abgesegnete – Sanierung kosten, wovon der OB nach Abzug aller Zuschüsse maximal zehn bis 15 Prozent von der Stadt zu tragen sieht: Unter anderem hofft er auf Mittel verschiedener Stiftungen und des Städtebaus. Im Dachboden, der teilweise als Archiv dient, ist der Boden nicht durchgehend geschlossen.  Besonders der Brandschutz ist natürlich ein Aspekt, der keinen Aufschub duldet. „Die Feuerwehr kann die Rettung nur einer bestimmten Personenzahl über die Fenster gewährleisten“, sagt Werner Fießmann, Leiter der Bauordnungsabteilung. Aber: Bürgerbüro, Hauptamt, Wirtschaftsförderung, Personalbüro, Standesamt und OB-Büro – im Rathaus sind 40 Mitarbeiter beschäftigt. Und was soll werden, wenn ein Feuer ausbricht und im Sitzungssaal ein Vielfaches an geladenen Gästen einer Veranstaltung beiwohnt?
Fießmann kann sich über die Behebung des Problems Brandschutz freuen: Die Pläne sehen nicht nur eine funkgesteuerte Brandmeldeanlage vor, sondern auch ein neues, baulich getrenntes Treppenhaus bis ins zweite Obergeschoss im Lichthof hinter dem Rathaus. Dort soll zudem ein Aufzug den barrierefreien Zugang bis hinauf ins OB-Büro gewährleisten.
Noch im September werden die Arbeiten am Rathaus beginnen, dann wird das schmucke Gebäude eingerüstet. „Wir hoffen, bis Ende nächsten Jahres fertig zu sein“, sagt Schramm. Bis dahin soll der Betrieb in Bürgerbüro und Standesamt unverändert bleiben. Das OB-Büro allerdings wird, weil direkt unterm Dach gelegen, vielleicht ebenso wie der Stadtrat für eine Zeit ausquartiert werden müssen. Fakten zum Kulmbacher Rathaus
Zerstört Zwischen 1500 und 1530 erbaut, wurde das Rathaus im Bundesständischen Krieg zerstört und 1553 notdürftig wieder aufgebaut. 1751 wurde es bis zum Untergeschoss abgerissen.
Neubau Den heute noch bestehenden dreigeschossigen Bau errichtete 1752 Johann Georg Hoffmann mit Johann Matthäus Gräf, die Rokokofassade plante der Bayreuther Hofbaumeister Joseph Saint-Pierre. Im Jahr 1889 kam der neubarocke Anbau hinzu.
Figuren Den geschweiften Aufsatz über dem Gesims flankieren die Figuren der Weisheit und der Gerechtigkeit.
Ordnungswächter Bis zu ihrer Auflösung 1972 war auch die Stadtpolizei im Rathaus untergebracht. 1997 wurde der Sitzungssaal im ersten Stock umgebaut.
Maßeinheiten Links und rechts vom Eingangsportal sind Eisen eingelassen, die damals gebräuchliche Längemaße zeigen: den Kulmbacher Fuß (29 Zentimeter) und die Kulmbacher Elle (83 Zentimeter).
Hochwasser Die Höhenmarke an der rechten Ecke zeigt eine Höhe von 308,865 Meter über dem Meeresspiegel an. Der Kohlenbach, der heute in Röhren unter dem Rathaus verläuft, stieg am 17. Juli 1673 auf diese Höhe.
Quelle: - Bayerische Rundschau vom 26.08.2010 - Fotos: Christian Holhut |  | |  |